Der abwesende Vater Ursula Priess “Sturz durch alle Spiegel” 3sat.de

Biografie

© ap Lupe

Max Frischs älteste Tochter Ursula Priess erinnert sich
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Der abwesende Vater
Ursula Priess “Sturz durch alle Spiegel”

Ursula Priess ist die älteste, 1943 geborene, Tochter des Schriftstellers Max Frisch. Über die schwierige Beziehung zu ihrem Vater hat sie jetzt ein Buch geschrieben. “Sturz durch alle Spiegel” erzählt vom Umgang mit einer Vaterfigur, die allgegenwärtig und doch abwesend war.

In Zürich Örlikon in Bahnhofsnähe lärmen die Züge im Minuten-Takt. Die Stadt an der Limmat kennt, sagen wir es freundlich, behaglichere Flecken. Ab 2010 kommen auch noch die Baustellen-Bagger. Eine Berufsschule wird planiert, um ein wenig spät, 18 Jahre nach dessen Tod, einen Zürcher Dichter zu ehren – mit einem Max-Frisch-Platz.

Als Literat Nationalheld, als Kritiker Nestbeschmutzer

Einfach hat Max Frisch es mit seinen Landsleuten schon zu Lebzeiten nicht gehabt. Als Literat wurde er fast wie ein Nationalheld verehrt, als Kritiker des Militärs und der Banken zum Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Jetzt erhitzt er noch einmal die Gemüter, genauer, das Vaterbuch seiner ältesten Tochter Ursula Priess, geborene Frisch. Mit 66 Jahren hat sie sich all ihre Liebe, ihre Enttäuschung und auch ihre Wut von der Seele geschrieben.

Auch Narben gehören zum Erbe des Vaters. Das macht dünnhäutig – bis heute. Also bitte keine neugierigen Journalisten. Bereits die freundliche Frage nach dem Befinden sorgt für Unmut. Mehr als das, was sie auf gut 160 Seiten kundtut, will sie nicht verraten. Das war schon schmerzhaft genug.

Max Frisch über seine Vaterschaft:

“Die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut – der Frau zuliebe.”
(Max Frisch: “Tagebuch 1946-194

Warum, so plagt sich die Tochter, habe ich ihn nie nach diesem Satz gefragt? So recht greifbar war der Vater nie. Immer unterwegs – bald auf der Suche nach neuen Beziehungsstrukturen. Als Ursula elf war, hat er die Familie verlassen.

 

Zurückhaltende Autorin

Viel Neugierde herrschte am 16. Juni 2009 bei der Buchpremiere in Zürich. Doch literarische Voyeure werden bei dieser sehr diskreten Annäherung an den großen Vater kaum auf ihre Kosten kommen. Diese Zurückhaltung hat ihr, gerade in der Schweiz, mancher Kritiker angekreidet. Der Vater, die Erinnerungen an die Kindheit, an die Jahre später, sind ihr zu kostbar, um sie für ein Buch zu plündern:

“Ich habe nicht mit Dir gelebt als literarisches Material.”
(Ursula Priess: “Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme”)

Der Schluss-Satz des Buchs ist eine Anleihe beim Vater, der in dieser Hinsicht weniger zurückhaltend war.

“Dieser Blick: manchmal so kalt und so hart.”
(Ursula Priess: “Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme”

“Seine nie versiegte Sehnsucht nach Aufbruch”

Und doch gibt auch die Tochter einiges preis – den letzten Traum vom Vater etwa, Monate vor dessen Tod. Aber es geht auch irdischer zu in dieser Collage im bewährten Frisch-Stil. Vater Max hat einen Lieblingsfilm: “Easy Rider”.

“Seine nie versiegte Sehnsucht nach Aufbruch. An keinem seiner Aufbrüche hatte ich Teil: Ich gehörte zu dem, was ihn mit Angst besetzte, Angst vor Verstrickung, vor Fesseln, vor Impotenz auch. Ich gehörte zu dem, was er zurücklassen musste, um zu überleben.”
(Ursula Priess: “Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme”)

Sie hadert nicht, sie rechnet nicht ab

Bloß kein Schönreden der Beziehung zum großen Vater, mit dem die Tochter freilich auch Spaß haben konnte – auch als er schon längst gegangen war. Die eigenen Begegnungen in Rom mit Ingeborg Bachmann, in den 1960er Jahren die Lebensgefährtin von Frisch, haben ihr damals viel bedeutet, nicht nur, weil die Freundin des Vaters so wunderschöne Callas-Schallplatten hatte. Nein, sie hadert nicht, sie rechnet nicht ab. Irgendwie schön war es doch, trotz allem.

Den Seinen treu sein konnte er nicht – und war doch nicht selten ein zärtlicher Vater, der von der Ferne, in die er Reißaus nahm, die wunderbarsten Malbriefe verschickte an die Tochter daheim. Sie zeigt nun in ihrem distanzierten, aber nie denunziatorischen Buch, dass Väter in ihrer Widersprüchlichkeit nicht schrumpfen, sondern manchmal auch wachsen. Gewiss nicht alles ist gelungen – wenn die Autorin einer eigenen traurigen Affäre gedenkt, wird es merkwürdig fad – aber in der Annäherung an einen schwierigen Vater ist Ursula Priess später Erstling “Sturz durch alle Spiegel” ein überaus mutiger und respektvoller Text.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Buch
Ursula Priess
“Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme”
Ammann 2009
ISBN-13: 978-3250601319

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